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Interview mit Christopher Kieling

Christopher Kieling - Ranger,

Christopher Kieling (geb. 1988), ein in Berlin lebender Maler, kreiert Werke der Strukturellen Figuration. Seine Ästhetik verbindet die Präzision des Grafikdesigns mit theatralem Bühnenbild. Kielings akribisch kontrollierte Leinwände, oft in Acryl- und Öl-Mischtechnik, nutzen geometrische Klarheit für psychologische Bühnenräume. International bekannt wurde der Absolvent der Central Saint Martins University mit seiner „Sierra“-Serie.

Wie bist du zur Kunst gekommen? Gab es einen Schlüsselmoment, oder war es eher eine Aufeinanderfolge von Momenten, die dazu geführt haben, dass du diesen Weg eingeschlagen hast?

Chris: Es war für mich damals der Weg, um mich zu etablieren, um einerseits meine Arbeit zu zeigen und gleichzeitig meine Szene zu finden. Das hat mich eigentlich immer begleitet. Relativ spät habe ich mich für die klassische Malerei entschieden, eigentlich erst während oder nach meinem Studium. Ich habe Grafikdesign studiert. Das war alles spannend, aber als ich in den Beruf gewechselt bin, merkte ich, dass das nichts mehr mit dem Studium zu tun hatte; es war sehr trockene Fließbandarbeit. Ich hatte aber schon immer gemalt und in dieser Zeit mehr Interesse an klassischer Kunst entwickelt. Ich sagte mir: Wenn der Alltag so aussieht, möchte ich das nicht. Ich habe dann versucht, alles auf die Malerei auszurichten, mich mit den richtigen Leuten umgeben, und so wurde es über die Jahre möglich, davon zu leben.

Deine Kompositionen werden ab und zu als bühnenhaft beschrieben, da du mit Requisiten arbeitest und sie arrangiert wirken. Inwiefern hat dein Hintergrund im Grafikdesign deine Fähigkeit geschärft, einen Dialog zu inszenieren oder überhaupt zu eröffnen?

Chris: Grafikdesign ist immer hilfreich, allein schon für die Webpräsenz oder Social Media. Aber tatsächlich habe ich eine Vergangenheit im Theater. Meine Eltern waren Bühnenschauspieler. Ich habe als Kind viel Zeit hinter der Bühne und in Bühnenbildern verbracht und dadurch wohl eine Affinität entwickelt. Es war auch einer meiner ersten Jobs nach der Agenturarbeit. Ich bin ans Theater gewechselt, wo ich aufgewachsen bin, und durfte in der Requisite arbeiten und beim Bühnenumbau helfen. Das war eine super spannende und bis heute eine der schönsten Arbeiten, weil sie so abwechslungsreich war. Ich hatte diesen kulturellen Aspekt zur handwerklichen Arbeit, die mir sehr lag. Es war ein super Ausgleich: Tagsüber Malen und Kunst, abends ab 18 Uhr Bühnen umbauen oder Szenen einrichten. Das hat mich unheimlich geprägt. Ich nehme bewusst wahr, dass ich diese horizontale Komposition einfließen lasse – Charaktere anordnen, so wie ein Regisseur es mit Schauspielern tun würde.

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„Ich möchte dem Betrachter eine Richtung vorgeben, wie das Auge über die Leinwand wandert – durch Farben, durch verschiedene Elemente. Ich versetze mich in den Betrachter hinein und frage mich, welche Elemente die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen, um so eine gewisse Dynamik des Auges einzufangen.“

Wenn man deine Malerei als ein Spannungsfeld zwischen der Klarheit des Designs und der emotionalen Kraft des Farbauftrags beschreibt: Wie fühlt sich dieser Prozess im Atelier für dich an? Welcher Aspekt ist das größere Wagnis: die akribische Planung der Komposition oder der spontane Malakt?

Chris: Ich gehe schon sehr methodisch vor. Das kommt definitiv aus dem Designbereich: Dinge durchplanen. Ich mache viel digital im Vorfeld, um verschiedene Kompositionen zu erstellen und zu wechseln, bis ich etwas finde, das stimmig ist. Da ich nie Malerei studiert habe, ist die Umsetzung immer eine Herausforderung. Ich würde nicht 'Kampf' sagen, aber es ist eine Herausforderung, die Dinge so umzusetzen, wie ich es möchte. Ich denke, die größte Herausforderung ist wirklich der Farbauftrag – die Mitte zu finden zwischen der freien Malerei und dem, was ich erreichen möchte. Wie beim Realismus: Man versucht, einer Referenz nahezukommen, scheitert aber letztendlich immer, weil eine Referenz eine Referenz bleibt. Diese ständige Herausforderung ist für mich das Interessante.

Das ist spannend, dieses Spannungsfeld zwischen Akribie und Freiheit. Wenn deine Kunst die Betrachtenden herausfordern, berühren und neue Entdeckungen ermöglichen soll: Was wäre deine 'Regieanweisung' an sie, um die tiefste Schicht deiner Malerei zu entwirren? Was wünschst du dir, dass die Menschen in deinen Werken entdecken?

Chris: Ich denke, das hängt von der Serie ab. Ich habe verschiedene Sachen ausprobiert, unter anderem die offen gelassenen Markierungen, die von der Houston Road School kommen – von Euan Uglow zum Beispiel. Das habe ich eine Zeit lang verinnerlicht, um eine zweite Ebene zu schaffen, sodass man neben dem Bildnis auch eine gewisse Struktur oder einen Gedankenweg erkennen kann. An anderen Stellen versuche ich, durch die Komposition selbst eine Spannung zu schaffen. Ich möchte dem Betrachter eine Richtung vorgeben, wie das Auge über die Leinwand wandert – durch Farben, durch verschiedene Elemente. Ich versetze mich in den Betrachter hinein und frage mich, welche Elemente die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen, um so eine gewisse Dynamik des Auges einzufangen.

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„Kunst und Malerei sind für mich ein unheimlicher Luxus, sich umentscheiden zu können und Dinge so zu machen, wie man es möchte. Das ist eine Freiheit, die ich mir nicht nehmen lassen möchte.“

Und würdest du sagen, es gibt Themen, die dich aktuell besonders beschäftigen, die du auf die Leinwand überträgst?

Chris: Ich denke, das ist ein ständiger Wechsel. Ich male seit über zehn Jahren hauptberuflich, und es gibt immer mal wieder Themen oder Herausforderungen, die ich mir selber stelle. Im Moment steht die Komposition immer im Vordergrund, egal ob es eine simplifizierte, minimalistische Komposition ist, die ein Jahr lang um eine Figur oder eine Haltung kreist, oder eine Collagen-artige Komposition, in der Elemente, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, erst auf der Leinwand zu einem Ganzen zusammenkommen. Ich glaube, es ist schwierig, da einen einzigen Nenner zu finden. Ich drücke einen Teil meiner Kreativität dadurch aus, dass ich offen bleibe und mich von den Dingen inspirieren lasse, die uns alle im Leben umgeben.

Das, was jetzt in eurer Galerie in der Ausstellung gezeigt wird, ist eine kleine Zeitreise durch verschiedene Phasen meines malerischen Werdegangs. Diese Vielfalt erzählt eine kleine Geschichte. Man sieht eine gewisse Entwicklung oder eine Reise, die man, wenn man möchte, mit mir machen kann – vom frühesten Bild aus 2021 bis zu den neuen Werken. 

Das ist schon fast wie eine kleine Retrospektive. Toll, dass du dich darauf einlässt, weil es ja auch Künstler gibt, die ihre älteren Werke nicht neben den neuen zeigen wollen. Aber das als Gesamtwerk und als Reise zu betrachten, ist spannend.

Chris: Ja, genau. So kann man es nennen: Das Christopher-Kieling-Universum.

Ich halte mich noch für jung genug, um mich nicht komplett in eine Richtung verfahren zu lassen. Es wäre wirtschaftlich vielleicht klüger, eine Sache zu machen, bis man damit extrem bekannt ist. Aber Kunst und Malerei sind für mich ein unheimlicher Luxus, sich umentscheiden zu können und Dinge so zu machen, wie man es möchte. Das ist eine Freiheit, die ich mir nicht nehmen lassen möchte. Ich sehe mich hier selber als Handwerker. Man kann festhalten: Grafische Elemente finden sich in den meisten Bildern wieder. Ich bin nicht der klassische freie Maler, der drauflosmalt, sondern ich habe immer einen Plan. Ich liebe das Spiel zwischen flachen, grafischen Elementen und sehr tiefgehenden, realistischen Elementen. Dieses Zwischenspiel ist für mich der rote Faden, der sich durch alle meine verschiedenen Stilrichtungen zieht.

Vielen Dank Chris!

Aufgezeichnet am 31.10.2025

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