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Interview mit Philipp Alexander Schäfer

Neuronal Elegy Philipp Alexander Schäfer

Philipp Alexander Schäfer (*1980) ist eine prägende Stimme der Frankfurter Gegenwartskunst, der in seinen Werken die Schnittstelle von analoger Tradition und digitaler Transformation erkundet. Bekannt durch die „City Ghosts“, verbindet er heute Ölmalerei auf recycelten Computerplatinen mit kritischer Reflexion über unsere digitale Gegenwart und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet.

Wie verändert sich durch die Computerplatine, den digitalen Träger, das Verhältnis zur Leinwand, nicht nur technisch, sondern vor allem in der Aussage und Resonanz deiner Werke?

Philipp: Die Platine hat natürlich sofort eine Konnotation; sie ist keine cleane Leinwand. Sie bringt von sich aus eine Bedeutungsebene mit, der man sich bewusst sein muss. Bei mir war es so, dass ich nicht über die Motive auf die Platine kam, sondern umgekehrt. Es ist eine konzeptuelle Herangehensweise. Die Platinen an sich interessieren mich, und ich versuche dann, mit dem (gemalten) Motiv damit zu spielen. Was mich an den Platinen fasziniert, ist ihre Relevanz in unserer heutigen Welt. Sie ist eines der wenigen Objekte, die für unsere aktuelle Zeit so charakteristisch sind. In 20, 30 Jahren wird es sie in dieser Form vielleicht nicht mehr geben, weil Daten anders gespeichert werden. Das macht die Arbeit damit für mich so spannend.

Wie findest du die Motive, die du auf diese Platinen bringst? Hast du einen festen Fundus, oder ist es ein Moment der Inspiration, in dem du ein passendes Zitat oder eine Metapher findest?

Philipp: Ich arbeite jetzt seit ein paar Jahren auch mit KI, was natürlich eine neue Spielwiese ist. Früher waren es eher aufblasbare Swimmingpool-Accessoires. Es gibt aber Motive, die immer wiederkehren. Flamingos zum Beispiel habe ich schon mehrmals auf Platine gemalt. Sie transportieren für mich das Gefühl eines aufgeblasenen Paradieses, das ganz schnell zerplatzen kann – wie ein Traum. Das spiegelt den Umstand wider, dass die Daten auf der Platine auch nicht greifbar, sondern nur Ideen sind. Viele Motive beziehe ich aus dem digitalen Kosmos der sozialen Medien. Die Grumpy Cat zum Beispiel, oder andere flüchtige Internetphänomene und Memes, durch die man sich durchwischt (swipet).

Inflatable Grumpy Cat_PhilippAlexanderSchäfer
Street Art ist flüchtig und vergeht. Hier aber will ich etwas schaffen, das mich überdauert. Man kann die beiden Welten kaum vergleichen.

Du bewegst dich zwischen deiner Rolle als Street Artist und dem Ölmalerei im Atelier. Befruchtet sich das gegenseitig, oder sind das komplett getrennte Welten?

Philipp: Es gibt Ähnlichkeiten. Früher faszinierten mich auf der Straße bestimmte Objekte wie Gullideckel, Rolltreppen oder Stromkästen – so sind die Platinen jetzt auch ein Objekt, das mein Interesse weckt. Dahingehend gibt es Parallelen. Aber von der Arbeitsweise her ist es komplett anders. Wenn ich hier dreieinhalb, vier Wochen an einem Bild sitze, ist das eine viel intensivere Beschäftigung mit dem Motiv. Man geht damit schlafen, wacht nachts auf, weil man noch etwas verändern will. Das ist für mich eine viel tiefere Auseinandersetzung. Street Art ist flüchtig und vergeht. Hier aber will ich etwas schaffen, das mich überdauert. Man kann die beiden Welten kaum vergleichen.

Das führt mich zur nächsten Frage: Du siehst dich als Chronist der Gegenwart. Wenn man in 30 Jahren auf deine Malerei zurückblickt, was würdest du dir wünschen, dass sie über unsere Zeit aussagt? Was soll die Botschaft sein, die du über unsere Ära auf die Platine bringst?

Philipp: Ich möchte mit meiner Kunst die Gegenwart abbilden. Im besten Fall kann man durch meine Arbeit einen tiefen Einblick in unsere heutige Zeit gewinnen. Die Kombination der Motive mit den Platinen kann eine Art zeitgenössische Reflexion sein. Natürlich ist das Empfinden des Betrachters immer individuell, aber mein Wunsch ist immer, zu berühren und eine Emotion auszulösen, vielleicht auch eine Reflexion, für die im heutigen schnelllebigen Leben oft die Zelt fehlt.

Philipp Alexander Schäfer_Exhibition View_FlamingoParadox
Für mich war es total elementar, aus dem Versteckspiel auszusteigen. Es ist so ein großer, wichtiger Teil von mir, dass ich dazu stehen möchte, was ich male, auch wenn es illegal entstanden ist.

Das finde ich einen schönen Kontrast: die digitale Gegenwart auf der einen Seite und das Handwerkliche auf der anderen Seite.

Philipp: Absolut. Dieser Kontrast ist sehr spannend, weil man etwas aus der Welt der Daten und den elektrischen Bauelemente aufgreift und es durch das Malen exaltiert und in die physische Welt holt. Die ganze Graffiti- und Geister-Geschichte lief lange parallel, als Hobby. Die eigentliche Wegscheide war das Projekt am Elfenbeinturm (2013/2014), ein Aha-Erlebnis der Selbstwirksamkeit, wo ich merkte: Ich kann wirklich einen Unterschied machen, die Realität verändern. Ab da habe ich mich in Richtung Street Art, Gullydeckel, Rolltreppen und später Platinen entwickelt.

Du hast in unserem Vorgespräch kurz über die Rolle der Anonymität gesprochen – im Gegensatz zu diesem klaren Bekenntnis zu deiner Kunst heute.

Philipp: Für mich war es total elementar, aus dem Versteckspiel auszusteigen. Es ist so ein großer, wichtiger Teil von mir, dass ich dazu stehen möchte, was ich male, auch wenn es illegal entstanden ist. Viele Graffiti Maler bauen sich ein zweites Ich auf, weil sie befürchten, dass die Kunst darunter leidet, wenn man für Geld malt. Das halte ich aber für eine Ausrede. Für mich war es wichtig zu sagen: Ich bin es. Ich möchte den Austausch, und wenn es dir nicht gefällt, um so besser! sag mir warum. Von dem Austausch können beide Seiten nur profitieren!

Vielen Dank für das Gespräch Philipp!

Aufgenommen am 31. Oktober 2025

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