Interview mit Sebastian Herzau
Im Interview sprechen wir mit ihm über seine Arbeitsweise, warum er ein gutes Werk nicht direkt weggeben kann und über den besonderen Moment, wenn ein Werk ein neues Zuhause findet.
Geboren 1980 in Schönebeck, absolvierte Sebastian Herzau sein Kunststudium an der renommierten Burg Giebichenstein Kunsthochschule in Halle bei Prof. Ute Pleuger und schloss 2012 mit einem Diplom in Bildender Kunst ab. Heute lebt und arbeitet er in Halle/Saale. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Halleschen Kunstpreis (2019), und stellt seine Werke in angesehenen Galerien in Deutschland aus. Zudem sind seine Arbeiten regelmäßig auf bedeutenden Kunstmessen wie der Art Karlsruhe und POSITIONS Berlin vertreten.
Wie würdest du dein Atelier beschreiben?
Sebastian: Das Wichtigste war für mich definitiv die Größe des Raums. Der Standort war für mich zweitrangig – ich wäre auch ans andere Ende der Stadt gefahren. Es ging wirklich darum, dass der Raum an sich passt. Früher war er sogar noch größer. Aber auch so ist er perfekt für meine Arbeit.
Was den Raum für mich besonders macht, ist das gleichmäßige Licht und die Möglichkeit, auch mal laut zu sein, ohne jemanden zu stören. Über die Jahre ist er wie eine zweite Wohnung für mich geworden. Man wächst mit dem Raum, kennt jeden Handgriff, jede Ecke. Gerade stand ich in der Mitte des Ateliers, habe mich einmal gedreht – und gemerkt: Es ist alles da, was ich brauche. Wie ein Zuhause, nur eben zum Arbeiten.
Gibt es einen bestimmten Moment im kreativen Prozess, der für dich besonders wichtig ist?
Sebastian: Ja, ganz klar: der Moment, in dem es losgeht. Der ist für mich oft wichtiger als das fertige Bild. Dieses innere „Jetzt will ich das machen!“ – das ist entscheidend. Natürlich male ich jeden Tag und liebe es, aber trotzdem muss dieser Startpunkt erst mal passieren.
Es ist ein großartiges Gefühl, wenn alles vorbereitet ist: Die Leinwand ist gebaut, grundiert, bereit – und ich kann einfach loslegen. Ich muss nicht mehr raus, um noch etwas zu besorgen. Dann beginnt jeder neue Prozess mit frischer Energie.
Ich habe bei jedem Bild das Gefühl, komplett bei Null anzufangen. Es ist nie einfach nur Nachbearbeitung oder Routine – ich lerne jedes Mal etwas Neues. Manchmal frage ich mich wirklich: Wie habe ich das beim letzten Mal gemacht? Und genau das finde ich spannend.

Wie würdest du deine Kunst jemandem beschreiben, der sie noch nie gesehen hat?
Sebastian: Wenn ich an die aktuellen Werke in eurer Ausstellung „Head Full of Flowers“ denke – die Blumenbilder sind da vielleicht am einfachsten zu beschreiben. Sie sind nicht ganz greifbar. Man schaut sie an, entdeckt immer wieder neue Dinge, aber sobald man den Blick abwendet, kann man sich nicht mehr ganz an die Details erinnern.
Die Bilder enthalten Störungen, Unschärfen, Verwischungen – all das lenkt vom Gesamtbild ab und hinterlässt stattdessen ein Gefühl. Dieses Gefühl beim Betrachten ist mir extrem wichtig. Es soll bleiben, nicht die Details.
Wenn wir beim Thema Gefühl sind – gibt es bestimmte Emotionen oder Themen, die sich durch deine Werke ziehen?
Sebastian: Ja, definitiv. Ich selbst brauche ein bestimmtes Gefühl beim Malen – aber auch jedes Mal ein neues. Ich suche nicht das eine Abbild, das ich immer wieder male. Ein Blumenstrauß kann bei mir dieselben Emotionen wecken wie ein Porträt.
Ein gutes Bild ist für mich eines, das ich nicht sofort aus dem Atelier geben kann. Eines, das noch ein bisschen bleiben muss – nicht nur, weil es trocknen soll, sondern weil ich es noch brauche. Ich freue mich dann richtig, wenn ich es am nächsten Tag wiedersehe. Auch weil ich selbst manchmal das Gefühl habe, es nicht vollständig greifen zu können.
Und manchmal ist es besonders schön, wenn ich alte Werke zurückbekomme – was selten ist. Oder wenn ich bei jemandem zu Hause ein Bild von mir sehe, in dessen Küche oder Wohnzimmer. Das hat eine ganz eigene Magie. Ich erinnere mich an eine Situation, da hing eines meiner Werke bei jemandem und ich war völlig begeistert und fragte mich, von wem dieses Werk ist – und derjenige dachte, ich mache nur Spaß.
Gibt es einen besonders coolen Ort, an dem deine Werke hängen?
Sebastian: Ja klar – bei euch in der E30 Gallery in Frankfurt! (lacht)
Aber im Ernst: Manchmal bekomme ich Fotos von Käufern, auf denen ich sehe, wo meine Bilder hängen. Und manchmal sieht man eben nur das Bild – aber manchmal auch, wie es Teil eines Lebens wird. Es hängt neben anderen Bildern, integriert sich in den Alltag. Und ich bekomme Geschichten dazu erzählt.
Ein Bild hängt nicht nur in einem Rahmen – es findet eine neue Rahmung, an einem Ort, in einem Zuhause. Und das macht es besonders.
Gibt es etwas Besonderes an deiner Technik oder den Materialien, die du verwendest?
Sebastian: Ich lege großen Wert auf Qualität und arbeite ganz klassisch mit Öl und Acryl. Diese Materialität ist mir wichtig. Ich liebe die Weichheit der Farben, das Zerstören, das Neuaufbauen. Das ist Teil des Prozesses – und macht einfach Spaß.
Es hat fast etwas Gieriges, wie ich die Farben auf der Palette verteile. Gerade bei den Blumenbildern passt das gut – diese Materiallust ist da ein zentrales Element. Technik und Material gehen bei mir Hand in Hand.

Was inspiriert dich?
Sebastian: Oft sind es flüchtige Momente: ein kurzer Blickkontakt, eine spontane Begegnung, jemand, der auf dem Fahrrad vorbeifährt. Aber auch Spaß spielt eine Rolle. Die Freude am Malen eines Blumenstraußes – selbst wenn der zerkratzt ist und in einer profanen IKEA-Vase steht.
Der Titel eines Bildes bringt oft noch den letzten Funken Humor rein. Zufälle sind wichtig. Wortspiele, kleine Beobachtungen. Ich glaube, ich habe im Alltag nie richtig Pause – meine Augen und Ohren sind ständig offen.
Manchmal notiere ich mir auch einfach irgendwas – wie neulich: „Dinosaurier und H-Milch“. Was das bedeutet, weiß ich selbst noch nicht. Aber genau daraus entsteht oft etwas. Inspiration ist für mich ein dauerhafter Prozess – auch das Scheitern gehört dazu. Wenn etwas umkippt, kleckert – auch das ist Teil des Ganzen.
Vielen Dank, Sebastian.
Aufgezeichnet am 23.4.2025
