Interview mit Tobias Stutz
Wir haben mit Tobias unter anderem über Illusion, das Spannungsfeld zwischen Realität und Abstraktion, und das besondere seiner Farbauswahl gesprochen.
Der in Bonn lebende Künstler Tobias Stutz (*1983) erschafft in seinen Gemälden eine Symbiose aus moderner Architekturästhetik, Bauhaus-Einflüssen und digitaler Präzision. Seine Werke, die oft imaginäre Architekturikonen wie kalifornische Villen in reduzierten Formen und einer fein abgestimmten Farbdramaturgie darstellen, fungieren als Orte der Kontemplation und Entschleunigung. Nach seinem Studium bei Ralph Fleck in Nürnberg und einem Masterabschluss an der Alanus Hochschule hat Stutz eine unverkennbare Bildsprache entwickelt, die Stille und Struktur meisterhaft vereint und damit eine Brücke zwischen zeitgenössischer Malerei und architektonischer Vision schlägt.
Wenn man den Titel unserer Ausstellung, „Catching Light“, hört, findet man, dass deine Werke besonders gut dazu passen. Du spielst sehr intensiv mit Licht und Schatten sowie mit der Art und Weise, wie Licht auf verschiedene Oberflächen trifft. Das sieht man schon bei deinen früheren Arbeiten, in denen du Glasfassaden und Fenster gemalt hast, aber auch in den aktuellen Werken. Kannst du uns erzählen, welche Bedeutung dieses Zusammenspiel von Licht und Schatten für deine Kunst hat?
Tobias Stutz: Licht und Schatten bedingen einander; das eine kann ohne das andere nicht existieren. Um es poetisch auszudrücken: Mir fällt dazu ein Zitat von Leonardo da Vinci ein, der davon sprach, dass es zwischen Licht und Schatten etwas „Zwittriges“ gibt – er nannte es „dunkles Licht“ und „hellen Schatten“. Was wir als Licht oder Schatten wahrnehmen, ist letztlich immer relativ. Aber erst durch diese beiden Pole werden Formen überhaupt plastisch und für uns sichtbar. Am extremsten und deutlichsten zeigt sich dieser Kontrast in der Architektur – oft viel klarer als in der Natur oder bei anderen Sujets.
Ein wiederkehrendes Thema in deiner Arbeit sind die sogenannten „Wohnmaschinen“ (Ausdruck den LeCorbusier geprägt hat). Was fasziniert dich an diesem Motiv so besonders?
Tobias: An den Wohnmaschinen reizt mich das Spannungsfeld zwischen Realität und Abstraktion. Mich beschäftigt die Frage: Wie viel Abstraktion steckt in der Realität und wie realistisch ist die Abstraktion? Die Balkone dieser Gebäude haben eine starke serielle Qualität. Ich mag diese Rhythmisierung von Formen, die sich wiederholen und perspektivisch in die Tiefe gehen. Sie bilden einen plastischen Rahmen – und das Thema „Rahmen“ spielt in meiner Arbeit ohnehin eine große Rolle. Ein interessanter Nebeneffekt ist, dass diese Balkonkästen für mich oft wie kleine Farbnäpfchen in einem Aquarellkasten wirken.

Du hast den Rahmen gerade angesprochen. Bei deinen „Shaped Canvases“ gehst du ja noch einen Schritt weiter: Du sprengst das klassische Rechteck und beziehst die Architektur quasi in den Aufbau des Bildes mit ein. Wie ist diese Reihe entstanden, in der du dich scheinbar immer wieder neu erfindest – von hohen Türmen bis hin zu komplexen Fensterstrukturen?
Tobias: Mit den Shaped Canvases habe ich vor etwa zehn Jahren begonnen. In der Kunstgeschichte gibt es das Format zwar schon lange, aber meistens im Bereich der abstrakten Malerei. Ich hatte es in dieser Form – kombiniert mit gegenständlicher Architekturmalerei – so noch nie gesehen. Für mich war es die logische Konsequenz, die geometrischen Formen, die ich ohnehin in den Bildern hatte, auf den Bildträger selbst zu übertragen. Durch das Verlassen des rechteckigen Formats wird die Plastizität und der Trompe-l’oeil-Effekt – also die bewusste Augentäuschung – massiv verstärkt.
Würdest du sagen, dass die „Illusion von Raum“ die passende Überschrift für dein gesamtes Werk wäre?
Tobias: Ich würde sogar noch weiter gehen: Malerei ist im Grunde immer eine illusionistische Kunst. Sobald man gegenständlich malt, suggeriert man Dreidimensionalität auf einer völlig flachen Oberfläche. Die einzige wirklich „ehrliche“ Form wäre die Farbfeldmalerei eines Mark Rothko, wo es nur um die reine Farbe auf der Fläche geht. Das Wort „Täuschung“ klingt oft negativ, aber ich sehe das positive Pendant dazu: die Überraschung. Ich möchte mich beim Malen selbst überraschen und auch dem Publikum diesen Moment schenken – wenn man erst etwas Räumliches sieht und im nächsten Moment merkt: „Hoppla, das ist ja doch nur ein flaches Bild.“
Wenn man deine Bilder betrachtet, fällt die Darstellung von Materialien auf – etwa der harte, graue Beton, dem du durch die Farbgebung eine gewisse Wärme verleihst. Wie gehst du an die Darstellung von Materialien wie Glas oder Beton heran? Ist das für dich ein spielerischer Prozess des Ausprobierens?
Tobias: Ich hatte gerade eine Ausstellung mit dem Titel „Concrete Transparency“ – ein Wortspiel aus Beton und Transparenz. Das Spannende ist, dass beide Materialien (Beton und Glas), obwohl sie optisch Gegensätze sind, einen mineralischen Ursprung haben. In der Malerei geht es immer um eine Übersetzung. Ich frage mich: Mit welchen technischen Mitteln kann ich die Beschaffenheit dieser Oberflächen interpretieren? Es ist ein individueller Blick auf die Dinge und deren Umsetzung.
Hast du einen Tipp für die Besucher, wie sie sich deinen Werken nähern sollten? Gibt es eine Art „Spurensuche“?
Tobias: Eine feste Gebrauchsanweisung habe ich nicht. Ich selbst arbeite im Stehen und bin ständig in Bewegung – ein ständiges Vor und Zurück zwischen der Leinwand und dem Abstand dazu. Interessant ist jedoch die Hängung: Da meine Bilder oft mit starken Fluchtpunkten arbeiten, funktionieren sie besser, wenn sie etwas höher hängen, als man es gewohnt ist. Wenn die Horizontlinie des Bildes über der Augenhöhe liegt, „ploppt“ der Shaped-Canvas-Effekt und die räumliche Täuschung viel stärker.
Tobias, gibt es zum Abschluss noch etwas, das du hinzufügen möchtest? Vielleicht etwas zu deinem Prozess der Farbwahl?
Tobias: Ein wichtiger Aspekt ist für mich die Qualität der Farbe. Gelb ist zum Beispiel qualitativ heller als Weiß, und ein tiefes Blau-Violett kann dunkler wirken als Schwarz. Ich experimentiere viel mit Farbtemperaturen: Warme Farben drängen nach vorne, kalte Farben treten in den Hintergrund. So erzeuge ich Tiefe im Bild – nicht nur durch die Perspektive der Form, sondern auch durch die der Farbe sowie durch Schärfe und Unschärfe. Obwohl meine Bilder sehr geplant wirken, arbeite ich eigentlich sehr intuitiv. Es gibt „Kopfmaler“ und „Bauchmaler“ – ich glaube, oft ist die Intuition des Bauches intelligenter als der Kopf. Ich mische die Farben auch meistens direkt auf der Leinwand und nicht vorher auf der Palette. Das Bild entsteht also wirklich während des Prozesses.
Vielen Dank, Tobias, für diese spannenden Einblicke in deine Arbeitsweise!
Und herzlichen Dank an Torsten Schimmer, der uns die Porträts von Tobias Stutz zur Verfügung gestellt hat.
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